18.01.2020
Tradition und Fortschritt

Wie viel Technik verträgt die Jagd? 

Wir leben in einer Zeit, in welcher der technische Fortschritt unser Leben täglich verändert, vereinfacht, aber auch beinahe überflüssig macht. Ob es Roboter an Fließbändern sind, vollautomatische Kassen im Supermarkt oder unser Wundergerät Handy. Auch vor etwas so „Traditionellem“ wie der Jagd macht die technische Entwicklung keinen Halt.

Die Jagd in ihrer ursprünglichsten Form war das Aufsuchen, Nachstellen und Erlegen bzw. Fangen von Wild, um sein eigenes Leben zu erhalten.  Diese hat über die Jahrtausende eine Entwicklung durchlebt, welche von den anfänglichen Eigenschaften Mut, Ausdauer, Kraft und List nur mehr Ausdauer benötigt. Hinzu ist aber das nötige Wissen über die Technik gekommen. Angefangen beim richtigen Einschießen der Waffe bis hin zum Bedienen von Ballistikrechnern oder Wärmebildgeräten. 

Wir Jäger haben immer wieder mit diesen Entwicklungen gehadert, diese aber stets unter der Begründung der Waidgerechtigkeit als moralisch korrekt akzeptiert. Nur was ist Waidgerechtigkeit und warum sollte unsere technische Entwicklung nicht Teil des Ganzen sein? Das erste Mal wurde sie gesetzlich erwähnt im Deutschen Reichsjagdgesetz von 1934, nur ohne diese genau zu definieren. Wir alle wissen, dass es waidgerecht ist Wild wenig zu stören, schnellstmöglich und ohne Schmerzen zu erlegen und auf Brut und Aufzuchtzeiten der Wildarten bei ihrer Bejagung zu achten. Über alles Weitere wird oft und gerne diskutiert. 

Wieso also soll ein Zielfernrohr mit hohem Zoomfaktor, ein Wärmebild- bzw. Nachtsichtgerät, der Mündungsknalldämpfer oder sogar selbstschießende Waffen nicht waidgerecht sein? Letzteres wurde vor einigen Jahren auf der größten Waffenmesse der Welt, der Shot Show in Las Vegas, präsentiert. Ein Verbund an Waffe und Optik, bei welcher über WLAN oder SIM-Karte auf einem Touchpad das Ziel ausgesucht wird und wenn Entfernung, Geschwindigkeit und richtige Ausrichtung des Zieles passen, der Schuss sich von alleine löst. Nehmen wir die o.g. Grundprinzipien der Waidgerechtigkeit, so werden diese alle hierbei auch erfüllt – so lange der Touchpaduser das Wild noch ansprechen kann.

Es ist also ein ganz anderes Problem, welches wir mit der technischen Entwicklung haben. Für die Meisten ist die Jagd ein Rückzug aus einer hoch technischen Welt, eine Möglichkeit der Entschleunigung und des in sich Kehrens. Nun hält aber all dies, was wir auf der Jagd vermeiden wollen Einzug in die Passion. Es liegt an uns selber, ob wir dies zulassen wollen oder nicht. Natürlich macht vieles das Leben einfacher – ein Gams mit 12-facher Vergrößerung lässt sich einfacher anvisieren als mit einem alten 4-fach Zielfernrohr, die Schweine an der Kirrung werden mit einem Wärmebildgerät auch bei schlechtem Wetter und Neumond erkannt und die Beunruhigung der Umwelt und das Gehör unseres vierbeinigen Waidkameraden, wie unser eigenes, durch einen Dämpfer geschont. 

Auch den Sorgen über Krankheiten wie TBC oder ASP lassen sich mit dieser Technik gut entgegenblicken. Wenn wir dann aber bei Nacht in vollem Camouflage mit all unseren Spielereien an der Kirrung sitzen, müssen wir uns fragen, ob wir noch jagen oder bereits den Krieg gegen die Sauen erklärt haben und nur mehr der verlängerte Arm eines Bauernbundes sind, welcher Totalabschüsse wünscht. 

Ursprünglich wurde ich gebeten einen Beitrag zu schreiben, wie die technische Entwicklung der kommenden 25 Jahre die Jagd beeinflussen bzw. unterstützen kann. Diese Frage ist schnell beantwortet: Es wird alles schneller und einfacher. Doch ist es das was wir wollen? Oder schaffen wir uns selber damit ab? Wir müssen uns im Klaren sein, dass unsere Vorfahren, die sich von Wildbret ernähren mussten, über jeden technischen Fortschritt glücklich gewesen sind. Wir selber gehen aber aus einem ganz anderen Grund heute noch jagen. Es ist die Liebe zur Natur, es ist der Weg zurück zum Ursprung des selber Ernährens, oder doch ein wenig Darwinismus - „the survival of the fittest“? 

Die technische Entwicklung wird nie halt vor der Jagd machen. Jeder von uns muss für sich aber entscheiden, wie viel Technik er bei seiner Jagd zulässt. Eines aber muss uns allen jedoch bewusst sein: Die Geschichten abends über vergangene Jagderlebnisse, die Trophäen an der Wand oder Bilder der Jagden werden nicht mehr die Spannung und Bedeutung in sich haben, wenn wir zu viel Technik bei ihrer Entstehung zulassen.